David Graeber Bullshit Jobs, Kaiser über Karl Lagerfeld, Woodward über Trump, Mode, Plastik, China

  • David Graeber hat vor zwei Jahren etwas Ungehöriges gewagt und unserer modernen Arbeitswelt ihre Sinnhaftigkeit abgesprochen. Seine Frage: Was würde passieren, würden wir die globale Arbeitsmaschine einfach mal anhalten? Es ginge nicht viel kaputt, lautete seine These. Und nebenbei retteten wir noch das Klima. Heute, nach David Graebers überraschenden Tod im August und mitten in #Corona haben wir das Buch nochmal gelesen und wir stellen fest: David Graeber hat recht! Seine große These stimmt und seine kleinen Beobachtungen umso mehr. Wir gehen den Text heute noch einmal durch. Selten hat ein zeitdiagnostisches Buch nach seiner Veröffentlichung so an Bedeutung und Erklärungskraft gewonnen.

    Nicht nur für Graeber haben wir uns heute in Schale geworfen. Stefan trägt einen Anzug, Wolfgang sogar Lagerfeld. Denn sie ist da, die große Abhandlung von Alfons Kaiser zu Karl Lagerfeld. Das Maß an Extravaganz und Exzess bleibt wohl unerreicht. Der Text stellt sich dem unmöglichen Vorhaben, uns Normalmenschen das trotzdem zu erklären. Ebenso groß ist die Aufgabe, die sich Bob Woodward stellt. Regelmäßig schreibt er über die amerikanischen Präsidenten. Das zweite Buch über Donald Trump lässt uns den Präsidenten nochmal etwas besser verstehen. Doch das wird ihm im Wahlkampf nichts mehr nützen. Woodwards Urteil ist deutlich.

    Die Themen Trump und Corona haben sich nun schicksalshaft miteinander verschränkt. Wir blicken auf eine soziologische Erklärung zum Infektionsgeschehen. Wir lesen Thesen zu China, zu Problemen mit Sturmgewehren, wir erklären die große Plastik-Recycling-Lüge und wir blättern durch die Zeit.

    Komm’ in den Salon. Es gibt ihn via Webplayer & RSS-Feed (zum Hören im Podcatcher deiner Wahl). Die Septemberausgabe ist ein zweieinhalbstündiges Gespräch über die genannten Texte.

    Literaturliste

    1. Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris“: Die kenntnisreiche und elegant geschriebene Biographie von Alfons Kaiser schildert eine beeindruckende Karriere und porträtiert einen Mann, der wie kein anderer die Mode gelebt hat und sich schließlich selbst in ein Logo verwandelte.
    2. David Graeber – Bullshit Jobs” Diese Abhandlung der Differenz von “Bullshit” und “Shit”-Jobs ist nicht nur eine gute Erklärung vieler Fragen, die uns Corona stellt. Es ist auch eine Betriebsanleitungen und Argumentequelle für notwendige politische Debatten.
    3. Dear brands, please stop citing nature as your inspiration“: Heather Snowden blickt auf Burberry und andere Modekonzerne, die sich für ihre Shows von Waldbränden inspirieren lassen: Dazu auch ein Statement von Extinction Rebellion an die Modeindustrie
    4. Unter der Beobachtung “Kultur und Infektionsrate hängen zusammen” fasst Christiane Gelitz zwei Studien zusammen, die anhand von “Beziehungsmobilität” das Corona-Infektionsgeschehen aufschlüsseln. Wir lernen, warum die Rentnerrepublik Deutschland so gut durch die Krise kommt.
    5. Ein Sieg für Klein-Sparta“: Melanie Bergermann und Rüdiger Kiani-Kress über den Auftrag zum Bau des neuen Sturmgewehrs der Bundeswehr an C.G. Haenel – und was Abu Dhabi damit zu tun hat. Inzwischen versucht Heckler & Koch sich einzuklagen
    6. Laura Sullivan erklärt in “How Big Oil Misled The Public Into Believing Plastic Would Be Recycled“, dass wir seit 50 Jahren von der Öl-Industrie veralbert werden. “Recycling” hat es nie gegeben, es war alles nur gutes Marketing.
    7. Starker Start mit ‚Magic Mushrooms‘“: Astrid Dörner und Sebastian Matthes über den Börsengang der Aktie der Biotech-Firma Compass Pathways, an der auch der deutsche Investor Christian Angermayer beteiligt ist. Die magischen Pilze sollen wirksam gegen Depressionen sein – aber dieser Einsatz ist vielleicht erst der Anfang.
    8. Bob Woodward schreibt viele Bücher über die amerikanischen Präsidenten. Sein aktuelles Werk über Trump, “Rage“, ist etwas merkwürdig aufgebaut, das finale Urteil über den Präsidenten aber eindeutig.
    9. The west should heed Napoleon’s advice and let China sleep“: Kishore Mahbubani, Politologe und Diplomat aus Singapur, nennt drei fundamentale Fehler des Westens im Umgang mit China
    10. Wir blättern durch “Die Zeit” (Ausgabe 40) und stoßen auf eine komische Aussage von Edward Snowden zur Corona-App. Zum Abschluss lesen wir interessante Zahlen zur TikTok-Video-Produktion im Vergleich zum Film.

    Quelle: https://neuezwanziger.de/2020/…trump-mode-plastik-china/

  • Freut mich, dass mein Link zur Einführung vom ökologischen Fußabdruck durch BP in deiner Liste ist.

    Stefan, ist geplant, dass Gast-Accounts nicht mehr möglich sind oder beschränkt werden?
    Ich finde es nicht gut, dass hier in jedem Thread was geschrieben werden kann, ohne dass nachvollzogen werden kann, was der Gast sonst so schreibt. Ich meine, wo ist da der Sinn, wenn ein Gast sich verhält wie ein Nutzer und zu den meisten Themen sein Senf abgibt, aber ohne Account?

  • Hallo Stefan,


    ich weiß nicht ob überhaupt Textvorschläge für den Salon erwünscht sind, aber wenn doch, möchte ich gerne How to Destroy Surveillance Capitalism von Cory Doctorow empfehlen.


    Das ist ehrlich gesagt für mich der Text der Stunde gewesen, da es einen wunderbaren Bogen von der US-amerikanischen Digital- und vorallem Wettbewerbspolitik der letzten 40 Jahre zur aktuellen Hochzeit der Verschwörungsmythen schlägt. Rein gefühlsmäßig trifft der Satz


    Zitat von Cory Doctorow

    What if the trauma of living through real conspiracies all around us — conspiracies among wealthy people, their lobbyists, and lawmakers to bury inconvenient facts and evidence of wrongdoing (these conspiracies are commonly known as “corruption”) — is making people vulnerable to conspiracy theories?

    natürlich voll ins Mark und gehört meines Erachtens in jede Debatte über Verschwörungsmythen, ist aber eigentlich nur eine schöne Pointe am Rande. Hauptsächlich wird aufgedröselt, mit welchen Methoden das Silicon Valley seine eigene wirtschaftliche Vormachtstellung in Stein meißelt (inbesondere die proprietären Märkte sind ja bereits Thema bei den Neuen Zwanzigern gewesen) und wie die Federal Trade Comission historisch zum zahnlosen Tiger geworden ist, weshalb man zum Beispiel auch Prechts Vorhersage zur Zerschlagung von Facebook und Amazon getrost vergessen kann.


    Sehr gut gefallen hat mir vorallem die Abkehr vom Bild der technologischen Übermacht des Silicon Valleys, und der Aufbau so ziemlich aller Erklärungsansätze auf einer rein marktwirtschaftlichen Wettbewerbslogik, die es erlaubt, all diese Unternehmen in einen deutlich weiteren historischen Kontext einzuordnen, was meines Erachtens nötig ist, um sich aus der Betrachtungsblase zu lösen, in welcher all diese Unternehmen einen gottgleichen die dagewesenen technologischen Sonderstatus einnehmen, aus welchem sich die Nichtanwendbarkeit früheren staatlichen Vorgehens gegen zu große Unternehmen von alleine ergebe.


    Liebe Grüße

  • Cory Docotrow guter Mann. Habe damals Little Brother einigen Freunden empfohlen und ausgeliehen. Jeder davon ist seitdem skeptisch, fast schon paranoid, bei technischen Kram.

  • Würde mich freuen, wenn ihr das Thema digitale Identität mal aufgreifen würdet. Wäre eine angemessene Ergänzung zur April-Ausgabe, in der ihr die Immunity of the Tech Giants besprochen hattet. Der SRF hat einen Radio-Beitrag dazu gemacht.

    Globale E-ID Initiativen – ihre Möglichkeiten und Grenzen

    Globale Initiativen wie ID2020 möchten möglichst viele Menschen mit einer eindeutigen und unverwechselbaren Identität ausrüsten. Das Known Traveler Digital Identity Programm KTDI soll einfache und sichere Flugreisen ohne Kontrollen und Warteschlangen ermöglichen.

    Wer plant wo was auf der Welt, wo liegen die Chancen solcher Programme und wo ihre Gefahren?

    [1] The Known Traveller

    [2] ID2020

  • Harari hatte ja auch ein Interview mit t-online, bei dem ich mir sicher bin, dass es demnächst besprochen wird. Harari finde ich aber immer schwierig, weil er die Grenzen zwischen Kritik und Bewunderung des Kritisierten gerne verschwimmen. Aber immerhin einer, der darüber spricht.



    RobFord Redux hab auf deren webseite ein wenig rumgeschnüffelt. mir ist aber immer noch nicht klar wie das funktionieren soll, also wo werden die daten welche zu einer id gehören hingespeichert.
    mir ist auch nicht klar welchen vorteil es hat wenn man z.b. in einem land, welches kein funktionierendes gesundheitssystem hat, dann über eine id zugriff auf dieses bekommt :S

    also die bedingungen der möglichkeit so eine id sinnvoll einsetzen zu können sind imo eigentlich elementarer. aber keine ahnung, habe dazu noch zu wenig informationen. von daher wäre eine aufarbeitung wirklich interessant.

    Letztlich geht es darum, deine biometrischen Muster in der Cloud zu speichern und mit allen möglichen Daten von dir zu verknüpfen. Man erkennt dich dann schon. In der Theorie gibst du dann bei Bedarf immer das frei, was gerade von dir verlangt wird.


    Die "Vorteile" hat doch die Lobbyistin im SRF-Beitrag aufgeschlüsselt. Bist du jetzt etwa immer noch nicht überzeugt, vom Menschenrecht auf Identität?


    Für mich klang das natürlich auch eher Dystopie als nach Utopie, schon bevor ich den zweiten Teil der Sendung (Minute 14) gehört hatte. Bin aber auch vorbelastet.


    Aber man braucht natürlich ein paar wohlklingende Beispiele. Gesundheit macht sich immer gut. Erstmal kannst du alles machen, was schon immer ging.

    Man wird uns das auch anfangs mit ein paar Vorzügen schmackhaft machen. Schnellere Abfertigung für Auskunftswillige oder kleine Rabatte. Später werden die Widerwilligen dann mit entsprechend gegängelt.


    Das Zitat gefiel mir besonders gut:

    "Die erbittertsten Feinde der Freiheit, sind die glücklichen Sklaven."