Corona & Quatschpolitik

  • Quelle: https://alias-podcast.de/2020/10/13/corona-quatschpolitik/

  • Also Stefan, echt jetzt mal: wenn du hier in Thüringen z.B. nach einer Lehre im Handwerk mit dem Mindestlohn anfängst, hast du ca. 1.500,- brutto/ ca. 1.100,- € netto. (bei 40 h/ Woche),

    Das wäre dann nach deinen Angaben fette 200,- € mehr als in Polen.

    Die 35 qm Einzimmer- Butze in Erfurt kostet 450,- € warm. Das wären dann 40.90% des verfügbaren Einkommens.

    Fragst du den Chef nach einer Lohnerhöhung, begründet er seinen Unwillen damit, dass er nicht mehr Umsatz machen kann, da die Kunden keine höheren Rechnungen zahlen können und die Konkurrenz (z.B. aus Polen) noch billiger ist...

    Es erschließt sich mir nach 30 Jahren "Einheit" auch nicht, warum JEDER Tarifabschluss im Osten immer noch 20- 30% niedriger als in den "alten" Bundesländern ist.

    Nee nee, das ist kein psychologisches Phänomen.

    Selbstwert hat offensichtlich auch etwas mit wirtschaftlichen Möglichkeiten zu tun.

    "Die" können nur froh sein, dass "der" Ossi so "handzahm" sozialisiert ist und eher zum "jammern" neigt, sonst würde hier schon längst die Luft brennen.

  • Stefan, JennyGnther

    Guter Podcast, aber die Ost-West-Diskussion hätte man meiner Ansicht nach viel grundsätzlicher führen müssen.


    Ich bin da eher auf JennyGnther s Seite, nur warum machst Du nicht das Argument, dass die Ossis eigentlich nie eine Chance hatten erfolgreiche Kapitalisten zu sein?

    Was braucht denn ein Kapitalist? Kapital! Hatten die Ossis 1990 Grundbesitz oder nennenswertes Eigentum? Nein. Das war schon von staatswegen unerwünscht. Es gab VEBs und LPGs. Die Produktionsmittel gehörten im Grunde allen Bürgern zu gleichen Teilen. Als nach der Wiedervereinigung diese Immobilien und Produktionsmittel privatisiert wurden für mitunter 1Mark, kam das einer Enteignung gleich. Bürger ohne Grundbesitz sind keine „Bürger“ mehr sondern Proletarier, die darauf angewiesen sind, dass ihnen irgendwer Arbeit anbietet.

    Deshalb gibt es keinen Mittelstand im Osten, deshalb gibt es nichts zu erben, deshalb das Gefühl „Bürger 2. Klasse“ zu sein. Die Immobilien der ostdeutschen Großstädte befinden sich in den Händen der westdeutschen, egal wo Du hinguckst. Man müsste ehrlicherweise über Enteignung reden, weniger über Mentalität oder Bewusstsein.

    ...und eher wird sich in Zukunft der Westen dem Osten annähern, nicht umgekehrt.


    Zum Thema Polen: Halbe Lebenserhaltungskosten

    Außerdem konnten die Menschen die Wohnungen, die sie damals bewohnten günstig selber erwerben. Die wurden eben nicht von Warschau bis Breslau für 1Zloty an Ossis verhökert.

  • Die Ost-West-Diskussion muss man nicht mehr so führen, wie Jenny das getan hat. Die Geschichten um die Treuhand werden noch zur Dolchstoßlegende der DDR ("am Weltmarkt ungeschlagen"), wenn dieser Unsinn weiter verbreitet wird, dass die Treuhand alles platt gemacht hat und die Leute im Stich gelassen wurden.


    Die Treuhand hat nur durchgeführt, was die DDR-Bürger wollten. Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, freiwillig CDU gewählt und damit den Kapitalismus und die ersatzlose Abschaffung der DDR. Damit wurden auch die staatseigenen Betriebe aufgelöst. Das war eine kluge Entscheidung, denn den Sozialismus gab es 1990 nicht mehr. Hätte-, Wäre-, Wen-Diskussionen interessieren heute keine Sau mehr. Sozialismus hat damals wirklich niemanden mehr interessiert und auch keinen dritten Weg.


    Was Ken Guru richtig angemerkt hat:

    Das zu wenig von dem Kapitel und Grundbesitz des ehemaligen Staates in den Händen der Ostdeutschen gelandet ist, führte dazu, dass sich in Ostdeutschland kein Mittelstand aufbauen ließ.

    Wahrscheinlich hilft hier wirklich nur Enteignung. Aber auf keinen Fall hilft die Verklärung der Vergangenheit und Schuldzuweisungen an den Westen. Das überlassen wir doch lieber den Leuten von ultrarechts. Die brauchen doch immer jemanden zum hassen.

  • murksomat

    Zitat

    Das war eine kluge Entscheidung, denn den Sozialismus gab es 1990 nicht mehr. Hätte-, Wäre-, Wen-Diskussionen interessieren heute keine Sau mehr. Sozialismus hat damals wirklich niemanden mehr interessiert und auch keinen dritten Weg.

    Also, wenn Ostbürger sowas hören müssen, dann wird damit noch viel mehr Ost-West-Trennung betrieben. Sozialismus existiert immer noch, man kann sogar den Punkt machen, dass deswegen erst der Kapitalismus weiter existieren kann, also indem eine Art Empathie und Solidarität übernommen wurde. Dein Kommentar ist eher in die Richtung "selbstschuld" und das ist historisch unterkomplex.

  • Die DDR-Wirtschaft war sicherlich in den meisten Fällen nicht mehr wettbewerbsfähig, aber sie war nicht wertlos.

    So wurde sie allerdings behandelt und letztlich unter Wert von der Treuhand verhökert.Glaubst Du das war der „Auftrag“ der Ossis?


    Die allermeisten hielten den DDR-Staatskundeunterricht halt für platteste Propaganda.

    Man kann den DDR-Bürgern freilich Naivität vorwerfen. Sie hätten wissen können was so ein kapitalistischer Staat, wie die BRD mit ihrem Eigentum anstellt. Sie hätten wissen können, was ihnen ohne Eigentum im Westen blüht.

    Die meisten sahen eben „nur“ die schönen Waren im KDW. Das war dumm. Sie haben allerdings auch mit Freunden und eben nicht mit egoistischen Arschlöchern im Bruderstaat gerechnet.

    Die meisten Wessis wurden ja trotzdem gleich genauso mit beschissen. Indem all die Betriebe massiv unter Wert verhökert wurden, wurde ja letztlich auch ihr Staatsbesitz veruntreut.

    Und was willst Du jetzt zurück enteignen? Die schönen Immobilien in Leipzig, Dresden und Berlin? Träum weiter. Es ist vorbei. Das weiß jeder Ossi. Aber die Wut auf diesen Beschiss wird noch sehr lange bleiben.

  • Mein Kommentar zu "Sprache bei hartaberfair":

    Ich glaube ihr drei habt Weiler und Flaßpöhler nicht verstanden, weil ihr sie nicht verstehen wolltet. Stattdessen habt ihr euch nur darüber lustig gemacht...


    Weiler sagte zu Anfang, dass nicht die Sprache von Diskriminierung befreit werden muss, sondern die Diskriminierten von Diskriminierung befreit werden müssen. Jenny witzelt darauf hin, dass also stumme Menschen nicht rassistisch sein können.

    Das war für mich eine komplette Verfehlung der eigentlichen Aussage: Er sagte ja explizit, dass keine Sprache nötig ist zum Diskriminieren. D.h. selbst wenn du Diskriminierenden oder Rassisten bestimmte Worte oder den ganzen Mund verbietest sind diese Menschen doch nicht plötzlich "geheilt" und auf einmal weniger rassistische diskriminierend.


    Es sind eben nicht die Worte, die diskriminieren, sondern es sind Menschen die diskriminieren.


    Flaßpöhler unterstreicht das nochmals mit der Euphemismustretmühle: Ein Wortersatz für "diskriminierende Wörter" entfernt nicht die Diskriminierung in der Gesellschaft, denn erst die Gesellschaft hängt den Wörtern ihre diskriminierende oder rassistische Bedeutung an. So wandeln Wörter in der Gesellschaft auch über die Zeit hinweg ihre Bedeutung und haben in verschiedenen Epochen und Personengruppen unterschiedliche oder gar gegensätzliche Bedeutungen.


    Das Wort Schwarzer finde ich persönlich als weißer Mann nicht diskriminierend und ich verwende es auch nicht als solches, da ich "Menschen mit dunkler Hautfarbe" nicht anders betrachte als andere Bleichgesichter. Alles Menschen, keiner besser oder schlechter, Individuen.
    Ich verstehe aber auch, das vllt. dunkelhäutige Menschen meine jetzige Aussage als rassistisch Aufnehmen, da sie diese Ausdrücke (bis jetzt) vllt ausdrücklich immer in einem negativ wertenden Zusammenhang aufgenommen hatten. Das ist der einzige Grund warum man bestimmte Worte vermeiden sollte um nicht falsch vom Gegenüber verstanden zu werden. Es ist wichtig Wortursprünge wie z.B. Neger/Nigger zu verstehen damit man auch keine peinlichen Fehler macht. Aber auch hier gibt es einen Wandel indem sich Schwarze zum Teil diese Wörter zu eigen machen und so die Bedeutung, abhängig davon wer und wie man es sagt unterschiedlich aufgenommen werden.


    Das macht die Sprache oder eher Unterhaltungen auch so kompliziert aber auch mächtig, da es so viele Variationen und Nuancen gibt, die alles drehen und wenden können, Bedeutungen ändern und/oder verstärken.


    Diese gesamte Wortpolizei schießt am Thema "Kampf gegen die Diskriminierung" vorbei, da es nie die eigentlichen Problem in der Gesellschaft angeht, sondern sie mit Euphemismen und Neologismen lediglich verkleidet.

  • murksomat

    Also, wenn Ostbürger sowas hören müssen, dann wird damit noch viel mehr Ost-West-Trennung betrieben.

    Meiner Meinung nach hetzt Jenny die Ostdeutschen gegen die Westdeutschen auf. Die Treuhand-Geschichte ist aufbereitet. Die Fehler der Vergangenheit sind bekannt. Wenn man immer wieder die Vergangenheit hervor holt, um sie für die eigene Propaganda zu nutzen, macht man nur die ewig Gestrigen zu seinen Anhängern.


    Ihre Kritik am IST-Zustand ist ja nicht falsch. Sie zerstört aber ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sagt, dass der Osten im Stich gelassen wurde.

  • Ceremony

    Zitat

    Ich verstehe aber auch, das vllt. dunkelhäutige Menschen meine jetzige Aussage als rassistisch Aufnehmen, da sie diese Ausdrücke (bis jetzt) vllt ausdrücklich immer in einem negativ wertenden Zusammenhang aufgenommen hatten. Das ist der einzige Grund warum man bestimmte Worte vermeiden sollte um nicht falsch vom Gegenüber verstanden zu werden. Es ist wichtig Wortursprünge wie z.B. Neger/Nigger zu verstehen damit man auch keine peinlichen Fehler macht. Aber auch hier gibt es einen Wandel indem sich Schwarze zum Teil diese Wörter zu eigen machen und so die Bedeutung, abhängig davon wer und wie man es sagt unterschiedlich aufgenommen werden.

    Ja, das kenn ich von dem Wort Krüppel und, ich glaube es gibt sowas sowas wie eine Krüppel-Bewegung? Zuerst war es negativ besetzt und dann hat sich die jeweilige Gruppe sich das angeeignet.


    Aber hier ist der Punkt: das bestimmen die jeweilgen Personengruppen dann immer noch selbst. Und selbst dann muss man sagen: es können immer noch die Bedeutungen und Entwürdigungen mit in den Wörtern übertragen werden. Wörter entstehen und existieren nicht im leeren Raum, sondern sind "historisch gewachsen", sozial konstruiert und von Machtverhältnissen durchdrungen.


    murksomat

    Die größere und viel nachhaltigere Propraganda ist, dass heutzutage alles Friede-Freude-Eierkuchen sei und Ost und West zusammen gehören, so wie es sein solle. Der Staat hat nicht immer alles gut und schön gemacht oder nach besten Wissen und Gewissen usw., was man sich daraus zieht heißt: misstrauisch sein gegenüber jeder Erzählung von einem Sieg der besseren Seite oder Zusammengehörigkeit (natürlich ist der Ost-West-Antagonismus genauso falsch).

  • Eine große Zahl von Leuten in der DDR wollten gar keine Einheit, sondern nur, dass das System reformiert wird. Die Einheit wurde dann später durch Kohl und Co. zum Narrativ mit dem sich die Politiker selbst profilieren konnten.

  • Zur Ost-West Diskussion:


    Ich finde etwas unsinnig, dass hier über Ost-West Gesamtstatistiken argumentiert wird. Das führt nirgendwo hin und Ost ist nicht gleich Ost, genauso wenig ist West gleich West. Die zwei Kreise mit dem geringsten Durchschnittseinkommen liegen beide in Westdeutschland: Gelsenkirchen und Duisburg. In Potsdam Mittelmark liegen die Gehälter gleichauf mit meinem Westdeutschen Kreis (Schleswig-Flensburg). Im 1km entfernten Stadtkreis (Flensburg) wo ich arbeite liegen die Gehälter unter dem brandenburgischen Durchschnitt, also selbst unter Kreisen die nicht an Berlin angrenzen (wie Oberspreewald-Lausitz).


    Jetzt einfach zu sagen Ostdeutschland wurde vom Westen durchgenudelt finde ich zu einfach. Historisch denke ich hat Lafontaine 1990 Recht gehabt. Die sofortige Wiedervereinigung und Währungsunion war eine Fehlentscheidung, aber was bringt es darauf jahrzehntelang herumzureiten? Die Wiedervereinigung wurde damals durchgezogen und damit muss man leben. Die Ostdeutsche Wirtschaft war ganz, ganz erheblich schwächer als die Westdeutsche. Der Übergang war beschissen, aber für die Wirtschaft noch viel beschissener war die DDR. Es gibt keine erdenkliche Welt bei der die ehemalige DDR heute mit Westdeutschland auch nur im Ansatz gleichauf wäre (außer vielleicht bei einer fatalen Fehlentwicklung in Westdeutschland bei enormen Wachstum im Osten).


    Wären die 5 "neuen" Bundesländer heute unabhängig, hätten sie das 24. höchste BIP pro Kopf der Welt (nominell), deutlich vor Italien und Spanien. Wenn man nach Kaufkraftparität bereinigt (zur Tauschrate von Gesamtdeutschland), liegt Ostdeutschland über Frankreich und UK. Beide Ergebnisse sind besser als jedes andere Land aus dem Ex-Sovietblock. Ich verstehe nicht ganz was hier die Erwartungshaltung ist. 1989 hatte die DDR die stärkste Industrie im Ostblock, etwas vor Tschechien. Heute liegt man immer noch mindestens genauso weit vor Tschechien.


    Der Wurm liegt nicht im Übergang sondern in den Wachstumsraten heute. Die sind nämlich im Unterschied zu z.B. Litauen oder Polen wirklich gering, im Grunde kaum höher als so manches westdeutsches Land. Hier die Wachstumsraten (BIP pro Kopf) von 2010 bis 2018:



    Wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt schließen die Ostdetuschen Bundesländer vielleicht irgendwann zum Saarland auf, aber nie zu Bayern. Dazu kommt noch, dass die Werte in den letzten Jahren immer schlechter aussehen. Ich glaube im nächsten Jahrzehnt (2020-2030) hat der Osten beim Wachstum nicht mehr unbedingt die Nase vorne. Ostdeutschland hat viele abgehängte Landgebiete. Die gibt es in Westdeutschland auch, nur eben machen sie einen deutlich kleineren Anteil aus. Dafür braucht es ein Konzept, nicht für die Ost-West Schere. Die Ost-West Schere wird immer mehr ein Resultat daraus.


    Um nochmal auf die DDR zurückzukommen: Sachsen und Brandenburg (inkl. Berlin) waren einmal die zwei reichsten Teile Deutschlands ausgenommen der Hansestädte. Dass das heute nicht mehr so ist liegt an der DDR, nicht an der Treuhand. Die große Industrie flüchtete nach dem 2. Weltkrieg oder wurde von der USSR plattgemacht. Audi kommt aus Zwickau, BMW hat eigentlich seinen Urgrund in Chemnitz und Berlin. Zeiss kommt aus Jena (heute Oberkochen, BW), Siemens kommt aus Berlin, etc., etc. Bayern war mal ein armer Bauernstaat, 1849 nach Posen das ärmste Land (siehe unten). Heute ist das anders. Es sah jetzt auch einige Jahre so aus, als würde Sachsen Schleswig-Holstein beim BIP pro Einwohner überholen. So wie die Dinge momentan stehen entwickelt es sich aber wieder in die völlig andere Richtung (SH hat wieder bessere Wachstumsraten, Sachsen stagniert). Ich denke um wirklich nachhaltig erfolgreich zu sein, müssten die Ostdeutschen Länder daran arbeiten ihre Wirtschaft enger mit den Nachbarländern zu verzahnen und es bräuchte vor allem ein Konzept für die Landgebiete.


    Per-Capita-GDP-in-Wuerttemberg-Compared-to-Other-German-States-1849.png