Beiträge von f.i.l.

    Lieber Stefan,


    Vielleicht kann ich noch eine andere Seite der Kulturindustrie beleuchten, insbesondere zu deiner Frage, wie man es sich in der Musikbranche vorstellt, wann und wie es wieder losgehen wird. Ich selbst bin Musikproduzent und begleite KünstlerInnen häufig von der ersten Idee bis zum fertig veröffentlichen Song. Somit bin ich auf Autoren Seite tätig sowie auch auf der Seite der Technikdienstleistung.


    Ihr habt die akute Krise der Technikdienstleistungsbetriebe ja schon sehr gut beleuchtet, sprich Ton- und Veranstaltungstechniker, Tourmanager, Busverleihe usw. Das trifft natürlich auch gebuchte MusikerInnen und die Künstlergagen. Was man hierbei allerdings nicht vergessen darf ist die Ausschüttung der Urheberrechte durch die GEMA. Dies passiert nicht nur für Radio oder TV sondern auch für den Live Betrieb und somit für jede gespielte Aufführung.

    Das heißt konkreter: Künstler XY spielt seinen großen Hit vor so und so vielen Leuten live. Dafür zahlt der Veranstalter einen Betrag an die Gema, welche das Geld an die Musikverlage und die SongschreiberInnen ausschüttet. Das sind oft die Künstler selbst aber auch andere Song Autoren sowie Musikproduzenten.


    Die Abrechnungszeiträume der Gema sind dabei jedoch so zeitverzögert, dass 2020 das Geld der Touren von 2019 ausgeschüttet wurde. Im Herbst 2021 stehen daher wirklich immense Einbrüche bei Verlagen und Künstlern bevor, da es 2020 keine Aufführungen gab. Wir sprechen hier von teilweise über 50% Einnahmeeinbußen bei Musikverlagen, die ja nicht selten das Leben von Künstlern durch Vorschüsse vorfinanzieren. Wie gut es der Politik zu erklären sein wird, dass diese Firmen erst 2 Jahre nach Pandemiebeginn unter der Krise leiden, wird sich zeigen. Ich befürchte nichts Gutes.


    Dazu kommt ein sehr großer Veröffentlichungsstau. Sehr viele Musikveröffentlichungen werden gerade zurückgehalten, da aktuelle Releases zur Zeit total verpuffen. Öffentlichkeit zu erzeugen ist für Musik eh schon schwer. In einer pandemiegeplagten Aufmerksamkeitsökonomie und zudem ohne Konzerte ist dies doppelt schwierig. Natürlich können Stars wie Billie Eilish oder die Foo Fighters auch jetzt veröffentlichen und werden ihr Publikum finden, NewComer Themen haben es aber immens schwer.


    Zwar gibt es vom Bund das große Förderprojekt „Neustart Kultur“, das auch über die Initiative Musik ausgeschüttet wird. Dieses ist aber projektgebunden an Musikproduktionen, Touren und Marketing. Da jedoch niemand tourt, sind aktuell so ziemlich alle Künstler dabei zu schreiben und neue Musik zu produzieren. Das ist zwar gut für mich als Musikproduzent, führt aber auch dazu, dass sobald die Pandemie vorbei ist, eine unglaubliche Menge Musik darauf wartet veröffentlich zu werden. Dabei werden sehr viele - insbesondere junge KünstlerInnen - vom Tellerrand fallen.


    Gleiches gilt zudem für den Konzertbetrieb. Es gibt nicht nur zahllose, immer wieder verschobene Konzerte aus dem Jahr 2020, die nachgeholt werden wollen, auch alle anderen Bands und Künstler warten darauf, ihre neuen Veröffentlichungen zu bewerben und Konzerte zu spielen. Hier bahnen sich endlose Warteschlangen an, wann welcher Künstler wo spielen kann. Man fragt sich zudem, wer all diese Konzerte am Ende wirklich sehen soll.

    Darüberhinaus stellt sich die Frage, welche der Clubs und Hallen, die auf den verschobenen Tourplänen stehen, im Jahr 2022 überhaupt noch existieren werden oder ob hier nicht auch eine zunehmende Monopolisierung von Kulturstätten und Festivals einsetzen wird, sodass die wenigen großen Player in der Musikindustrie noch größere Marktmacht erhalten werden. Das wäre definitiv schlecht für eine diverse und vielfältige Kulturszene.


    Du siehst, eine Normalisierung im Kulturbetrieb und in der Pop Musik Branche wird noch sehr sehr lange dauern. Bis hier wieder normale Zyklen einsetzen vergehen mit Sicherheit noch einige Jahre. Der Studio und Songwriting Betrieb läuft aktuell jedoch weiter und es wird Nonstop Musik produziert. Inwieweit sich das für die Kulturschaffenden auszahlt, wird sich jedoch wohl erst in entfernter Zukunft zeigen.


    Ich finde es toll und wichtig, dass ihr euch mit diesen Themen auseinandersetzt und Öffentlichkeit schafft. Ich denke es ist aber wichtig zu sehen, dass Rammstein, König der Löwen und Andre Rieu wirklich die Spitzen des Eisberges sind, die am ehesten diese Krise aussitzen können und dabei eh vollständig kommerzialisierte Kulturbetriebe sind.


    So viel zu meiner kurzen, etwas nischigen Einschätzung zur Musikindustrie in Corona-Zeiten. Vielleicht ergänzt es ja etwas die ohnehin tollen Beiträge der letzten Sendung.


    Danke für die tolle Arbeit und auch Danke an die vielen tollen Gäste!

    Liebe Grüße aus Berlin,

    Fabian